Bernd Mayländer: Ich schalte die Fahrhilfen beim Safety-Car aus!

Er ist der stille Star der Formel-1. Bernd Mayländer ist bei jedem Rennen im Einsatz – er fährt das Sicherheitsfahrzeug „Safety-Car“. Thomas Muck traf den 40-jährigen Deutschen zum Gespräch über sein Verhältnis zu Österreich, seinen Job als Safety-Car Fahrer in der Formel -1 und seine Ratschläge im Straßenverkehr.
Sportreport: In den letzten Tagen wurde viel über das Verhältnis zwischen Deutschland und Österreich diskutiert. Wie sieht ihr persönliches aus?
Bernd Mayländer: Mein Verhältnis zu Österreich war immer sehr gut. Schon als kleines Kind war ich immer gerne Skifahren hier. Auch wenn ich eine längere Pause eingelegt habe – aber jetzt bin ich gerne am Arlberg.
Mein Verhältnis zu Österreich ist generell sehr positiv. Ich habe viele Freunde hier. Auch einige ehemalige Teamkollegen. Zum Beispiel den Alexander Wurz oder ein Matthias Lauda. Wir sprechen dieselbe Sprache und haben auch im Grunde genommen eine ähnliche Mentalität.
Sportreport: Am vergangenen Wochenende ist die DTM wieder in Österreich zu Gast gewesen. Der Bull Ring wurde feierlich eingeweiht. Was ist das für ein Gefühl an so eine traditionelle Rennstrecke zurückzukehren?
Bernd Mayländer: Selbstverständlich ist es ein besonderes Gefühl. Ich kannte sogar noch den alten Österreich-Ring. Im Jahr 1992/93 bin ich – hoffe das ist die richtige Saison – ein Langstreckenrennen gefahren. Mit der FIA-GT bin ich dann am A1-Ring gefahren. Im Jahr 2011 war ich zur dritten Eröffnung an der Strecke. Ich freue mich darüber, dass Österreich wieder über eine Rennstrecke in der Steiermark verfügt. Hier gibt es viele Motorsportfans. Die Strecke selbst ist ja schon vor einigen Wochen eröffnet worden.
Sportreport: Formel-1-Boss Bernie Ecclestone vermisst den Hügel des alten Österreich-Ring vor der ersten Kurve. Erinnert man sich als Rennfahrer an solche Teile der Rennstrecke? Vermisst man Sie vielleicht sogar?
Bernd Mayländer: (schmunzelt) Also wenn man den ganz alten Österreich-Ring noch gekannt hat. (überlegt kurz) Ja, ich denke schon, dass man solche Dinge vermisst. Die Zeiten haben sich aber geändert. Mit dem Umbau konnte man bestimmte Dinge einfach nicht mehr einbauen. Die Sicherheit ist ein wichtiger Faktor. Ich denke, dass man auch ohne den Hügel großartige Rennen gesehen hat und sehen wird.
Sportreport: Sebastian Vettel – ein Deutscher – dominiert im Red Bull – einem österreichischen Boliden – die Formel-1. Muss man bei dieser Konstellation bei aller sportlicher Rivalität zwischen Deutschland und Österreich nicht auch etwas schmunzeln?
Bernd Mayländer: (schmunzelt) Ja, natürlich! So gesehen ist es mit Sicherheit einzigartig. Aber Scherz beiseite. Red Bull leistet großartige Arbeit. Sie haben ein super Auto gebaut. Sebastian Vettel ist der Weltmeister vom letzten Jahr. Heuer hat er bisher fünf Rennen gewonnen und ist beim sechsten Rennen Zweiter geworden. Das ist eine phänomenale Bilanz die Sie vorweisen können. Diese Konstellation funktioniert einfach perfekt – das muss man neidlos anerkennen.
Die Luft wird in den kommenden Rennen aber immer dünner für Red Bull werden. Denn die Konkurrenz schläft nicht. Jedes Team entwickelt seinen Wagen weiter. Da wird der Rückstand automatisch geringer. Es könnte durchaus noch ein heißer Kampf um den WM-Titel werden. Sebastian ist ein großartiger Fahrer. Die Saison wird durchaus noch interessant.
Von meiner Seite ist da definitiv kein Neid. Im Gegenteil! Ich vergönne ihm den Erfolg. Er ist ein toller Kerl. Zwischen uns war uns immer eine Freundschaft da – wir verstehen uns gut! Ich gönne ihm jeden Erfolg von ganzen Herzen.

Sportreport: Mercedes fährt im Moment im „oberen Mittelfeld“. Fehlt den Silberpfeilen ein österreichischer Fahrer? Wie wäre es mit Alexander Wurz?
Bernd Mayländer: (schmunzelt) Wenn es sich hierbei um ein Patentrezept zum Erfolg handeln würde, dann hätte der Alex Wurz einen Vertrag bis zum Lebensende.
Sportreport: Ein Thema ist natürlich auch Rekordweltmeister Michael Schumacher. Was denken Sie über sein Comeback?
Bernd Mayländer: Aus finanziellen Gründen ist er definitiv nicht zurückgekommen. Michael ist ein Wettkämpfer. Er mag es einfach sich mit anderen zu messen.
Warum er bisher nicht so erfolgreich war? Ich denke, dass ist eine sehr komplexe Frage. Ich denke es fehlen Kleinigkeiten am Wagen, damit der Mercedes die Lücke zur Spitze schließt. Michael ist auf diesem Weg sehr wichtig. Aufgrund seiner Fähigkeiten in der Fahrzeugentwicklung ist seine Erfahrung hier besonders wichtig.
Persönlich glaube ich, dass Mercedes und auch Michael bald um Rennsiege mitfahren kann.
Sportreport: Ihr Name wird automatisch mit dem Safety-Car in der Formel-1 verbunden. Wie ist es für Sie während den Rennens angeschnallt im Auto zu sitzen? Hoffen Sie, während des Rennens nicht benötigt zu werden?
Bernd Mayländer: Dieses Jahr ist bisher sehr ungewöhnlich verlaufen. Bei sechs Rennen war ich fünfmal nicht auf der Strecke. Für mich ist es natürlich sehr angenehm wenn ich nicht gebraucht werde. Weil dann ist kein Unfall passiert und im Rennen gab es nur Motorsport und keine Unfälle.
In Monte Carlo waren wir uns schon im Vorfeld einig, dass es im Fall eines Unfalls zu einer Safety-Car-Phase kommen wird. Die Unfälle waren – zum Teil – sehr heftig. Die Fahrer sind aber ohne große Verletzungen ausgestiegen. Was ich gehört habe werden alle in Montreal wieder am Start stehen. So gesehen haben in Monaco alle Glück gehabt. Die Sicherheitsvorkehrungen haben funktioniert. Hoffentlich gibt es in Montreal ein Rennen ohne Unfälle.
Ich bin aber sehr glücklich, dass heuer sehr wenig passiert ist. Ich hoffe es geht so weiter. Je weniger ich auf der Strecke zu sehen bin – umso besser ist es für die Formel 1.
Sportreport: Sie haben das Thema Sicherheit bei Unfällen angeschnitten. Häufig wird in den Medien berichtet, dass Unfälle die jetzt ohne nennenswerte Blessuren ablaufen vor einigen Jahren noch „anders geendet hätten“. Würden Sie sagen, dass die Sicherheitsstandart der Formel 1 bereits den menschlichen Körper „überholt“ haben?
Bernd Mayländer: Das weiß ich ehrlich gesagt nicht. Natürlich sind die Fahrer alle durchtrainierter und sportlicher geworden als früher. Natürlich hat sich die Technik geändert. Die Sicherheitsvorschriften haben sich geändert. Die Strecken sind in der Regel abgeändert und aus Sicht der Sicherheit verbessert worden.
Natürlich hat auch alles funktioniert was man bisher entwickelt hat. Seitenaufprallschutz oder Sicherheitsabsperrungen an der Strecke wie in Monte Carlo zum Beispiel wo Perez hingefahren ist.
Ich denke wir sollten froh sein, dass alles gut funktioniert und gut zusammenspielt. Die Sicherheitsentwicklung darf nie stoppen. Ich bin mir sicher, dass hier ständig gearbeitet wird um alles sicherer zu machen.
Sportreport: In Monte Carlo werden die Boliden mit Tempo 250 nur wenige Zentimeter an den Leitplanken vorbei bewegt. Wie weiß eigentlich ein Rennfahrer wie „breit“ sein Wagen wirklich ist? Wie viel Gefühl ist erforderlich um einen Boliden im Grenzbereich durch einen Straßenkurs zu fahren?
Bernd Mayländer: Es ist viel Gefühl dabei. Natürlich kennt man die Dimensionen seines Autos. Selbstverständlich spürt jeder Fahrer am Lenkrad wie sich das Auto anfühlt und wie sich die Strecke verhält. Als Fahrer schaust du nicht wo die Leitplanke ist, dafür bekommt man ein Gefühl.
In Monte Carlo berührst du als Fahrer mit Sicherheit einige Male die Leitplanke. Das spürst du natürlich auch gleich und der Fahrer zieht in der nächsten Runde daraus die Konsequenzen.
Um auf einem Straßenkurs schnell zu fahren ist viel Vertrauen, Gefühl und Erfahrung erforderlich. Um in Monaco schnell zu sein brauchst du nicht nur ein schnelles Auto und Talent sondern auch diese Punkte. Straßenrennen sind für die Fahrer besonders anspruchsvoll und auch besonders reizvoll.

Sportreport: Stichwort elektronische Fahrhilfen. Schalten Sie diese ein, wenn Sie mit dem Safety-Car im Einsatz sind?
Bernd Mayländer: Wenn die Strecke trocken ist, dann schalte ich die Fahrhilfen aus. Bei Nässe ist das Safety-Car mit speziellen Fahrhilfen besonders abgestimmt. Da gibt es verschiedene Varianten wie ich Sie verwenden kann. Ist die Strecke feucht, dann gönne ich mir schon diesen Luxus. Wenn die Strecke trocken ist wie in Monaco, dann hat man es selbst unter Kontrolle.
Ich stehe auch nicht unter Druck das Rennen gewinnen zu müssen. Meine Aufgabe ist es für Sicherheit zu sorgen. Als professioneller Rennfahrer kann ich mit diesem Wagen schnell aber sicher um die Strecke fahren – da geht es auch ohne elektronische Fahrhilfen.
Natürlich macht es mir auch Spaß in Monte Carlo auf der Strecke zu fahren. Aber es ist ein großer Unterschied ob ich Rennen fahren muss oder ob ich für Sicherheit sorgen darf.
Sportreport: Gibt es Fahrer die vor dem Rennen zu Ihnen kommen und sagen, dass Sie in den nächsten zwei Stunden nicht gesehen werden wollen?
Bernd Mayländer: (schmunzelt) Ja, dass bekomme ich das öfters zu hören. Wenn die Fahrer Recht haben und ich nicht hinaus muss bin ich natürlich sehr froh.
Sportreport: Sie sind natürlich auch viel im öffentlichen Straßenverkehr unterwegs. Was rät der Fahrer des Formel-1-Sicherheitsfahrzeugs dem ‚normalsterblichen Autofahrer’ und besonders den Führerscheinneulingen?
Bernd Mayländer: Ich kann jedem – besonders den Fahranfängern – ein Fahrsicherheitstraining empfehlen. Dabei kann sich jeder Fahrer sein persönliches Limit erarbeiten. Extremsituationen erleben und daraus die richtigen Lehren ziehen – darum geht es. Es geht darum die Erfahrung nicht auf einer öffentlichen Straße zu sammeln. Sondern auf einem abgesperrten Bereich – dort sollte jeder lernen. Es geht darum in der Situation das richtige zu tun. Es gilt das Gespür zu haben das richtige zu tun. Das muss ein Rennfahrer auch erst lernen.
Ein wichtiger Tipp ist, dass man weit nach vorne blicken sollte. Ganz wichtig ist auch, sich selbst nicht zu überschätzen. Besonders bei Schnee- oder nassen Fahrbahnbedingungen. Unterm Strich aber das wichtigste ist einen Fahrsicherheitslehrgang zu machen. Das kann nur von Vorteil sein.
Sportreport: Letzte Frage: Denken Sie, dass auf den Autobahnen und Bundesstraßen zu schnell gefahren wird?
Bernd Mayländer: Jeder Autofahrer muss seine Geschwindigkeit den Fahrbahnbedingungen anpassen. Manchmal kannst du bei starken Regenfällen auf der Autobahn keine 80 km/h schnell fahren. Wichtig ist intelligent mit Blick nach vorne zu fahren und Extremsituationen generell zu vermeiden.
Das Gespräch führte Thomas Muck
07.06.2011





